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Goethe, Wandrers Nachtlied

Wandrers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist (1776)

Goethes Handschrift von „Wandrers Nachtlied“ (Der du von dem Himmel bist) hat sich zwischen seinen Briefen an Charlotte von Stein erhalten. Sie trägt die Unterschrift „Am Hang des Ettersberg, d. 12. Feb. 76“.

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Für die 1789 bei Göschen erschienene Ausgabe seiner Werke änderte Goethe den zweiten und sechsten Vers, indem er „Alle Freud und Schmerzen“ durch „Alles Leid und Schmerzen“ und „all die Qual und Lust“ durch „all der Schmerz und Lust“ ersetzte, was manchem ungewöhnlich und nicht unbedingt regelkonform erscheint:

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Es kann davon ausgegangen werden, dass „Wanderers Nachtlied“ nicht von irgendeinem müden Wandersmann handelt, sondern Goethe hier auch und vor allem von sich selbst spricht. Zwar findet sich davon nichts in seiner kurzen Notiz an Charlotte von Stein vom 12. Februar 1776: „Hier ein Buch für Ernsten, und die Carolin. Ich fühle wohl dass ich selbst werde kommen müssen, denn ich wollte gar vielerley schreiben, und fühle doch dass ich nichts zu sagen habe, als was Sie schon wissen.“Im nächsten Briefchen an sie vom 23. Februar 1776 heißt es dann jedoch: „Wie ruhig und leicht ich geschlafen habe, wie glücklich ich aufgestanden bin und die schöne Sonne gegrüst habe das erstemal seit vierzehn Tagen mit freyem Herzen, und wie voll Dancks gegen dich Engel des Himmels, dem ich das schuldig bin.“ In seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit berichtet Goethe zudem, wie er nach seiner Trennung von Friedrike Brion im August 1771, „zum erstenmal schuldig“ und in „einer düsteren Reue“, „Beruhigung […] nur unter freiem Himmel“ gefunden wurde und man ihn wegen seines „Umherschweifens […] den Wanderer“ genannt habe. Von den seltsamen Hymnen und Dithyramben, die er unterwegs gesungen habe, sei „noch eine, unter dem Titel »Wanderers Sturmlied«, übrig“.

Hans-Jörg Knobloch will Goethes „Briefgedicht“ an Frau von Stein sogar als „Versuch einer Verführung“ der Angebeteten verstehen. Erst die Bearbeitung für den Druck, mit der es Goethe, wie er Herder schrieb, darum ging, „die allzu individuellen und momentanen Stücke genießbar zu machen“, habe die Umdeutung in ein Gebet um Frieden ermöglicht. Eine solche Deutung legt vor allem der Eingangsvers „Der du von dem Himmel bist“ nahe, ein Anklang an Zinzendorfs Lied über Das Gebet des HErrn [sic] „Der Du in dem himmel bist“ [sic] aus der zweiten Auflage des sogenannten Ebersdorfer Gesangbuches,die Goethes Vater besaß.


Über allen Gipfeln (1780)

„Über allen Gipfeln“ schrieb Goethe wahrscheinlich am Abend des 6. September 1780 mit Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Dort, „auf dem Gickelhahn dem höchsten Berg des Reviers“ übernachtet zu haben, „um dem Wuste des Städgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen“, berichtete Goethe Charlotte von Stein mit einem „d. 6. Sept. 80“ datierten Brief, und fuhr fort: „Wenn nur meine Gedancken zusammt von heut aufgeschrieben wären es sind gute Sachen drunter. Meine beste ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen, an den Plaz wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern angezeichnet steht geküsst und wieder geküsst“. Die Verse, die er an die Bretterwand der Hütte schrieb, erwähnte er auch in seinen folgenden Briefen mit keinem Wort. Allerdings kann Karl Ludwig von Knebels Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1780 auf Goethes Inschrift bezogen werden: „Morgens schön. Mond. Goethens Verse. Mit dem Herzog auf die Pürsch […] Die Nacht wieder auf dem Gickelhahn“. Ungewiss ist, ob Goethes Inschrift in jeder Einzelheit mit dem 1815 von ihm veröffentlichten Text übereinstimmte:

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Goethes Schrift an der Bretterwand hat sich nämlich nicht erhalten. Zwei frühe Abschriften (oder Mitschriften) von Herder und Luise von Göchhausen haben in Vers 1: Über allen Gefilden und in Vers 6: Die Vögel.  Dies wird allgemein als authentische Früh- oder Erstfassung angesehen. Die 1869 fotografierte Handschrift auf der Bretterwand hat ebenfalls Vögel und nicht Vögelein, andererseits bereits Gipfeln in Vers 1. Das mag jedoch erst bei späteren Erneuerungen und Übermalungen, die Goethe selbst oder wohlmeinende Besucher im Lauf der Jahrzehnte an der verblassenden Handschrift in der Hütte vorgenommen haben, ein ursprüngliches Gefilden ersetzt haben.

Die von Goethe nicht autorisierte Erstveröffentlichung in der letzten Folge eines mehrteiligen Artikels Bemerkungen über Weimar von Joseph Rückert, der im September 1800 anonym in der von August Adolph von Hennings in Altona herausgegebenen Zeitschrift Der Genius der Zeit erschien, hat ebenfalls Vögel in Vers 6, aber noch weitere Abweichungen von der Fassung von 1815: „Über allen Wipfeln“ (Vers 1), „in allen Zweigen hörst du keinen Hauch“ (Verse 3–5) und „schläfst du auch“ (Vers 8). Auch die englische Version des Artikels in The Monthly Magazine (London) brachte das Gedicht im Februar 1801 in dieser Form und ebenso Kotzebue in seiner Berliner Zeitung Der Freimüthige am 20. Mai 1803; bei ihm waren die Vögel jedoch zu Vöglein geworden.

Am 27. August 1831, ein halbes Jahr vor seinem Tod, besuchte Goethe während seiner letzten Reise nach Ilmenau den Kickelhahn ein letztes Mal. Mit Berginspektor Johann Christian Mahr, dem er sagte, er habe die Gegend seit dreißig Jahren nicht mehr besucht,stieg er in das obere Stockwerk der Jagdhütte; er habe dort in früherer Zeit mit seinem Bedienten einmal acht Tage gewohnt und einen kleinen Vers an die Wand geschrieben, den er gern noch einmal sehen wolle. Mahr berichtet, wie er Goethe zu der Bleistiftschrift mit der Datierung „D. 7. September 1780 Goethe“ geführt habe, und fährt fort:

„Goethe überlas diese wenigen Verse, und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: »Ja: warte nur, balde ruhest du auch!« schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: »Nun wollen wir wieder gehen!«“

An Carl Friedrich Zelter schrieb Goethe darüber am 4. September 1831 aus Weimar:

„Sechs Tage, und zwar die heitersten des ganzen Sommers, war ich von Weimar abwesend und hatte meinen Weg nach Ilmenau genommen, wo ich in frühern Jahren viel gewirkt und eine lange Pause des Wiedersehens gemacht hatte, auf einem einsamen Bretterhäuschen des höchsten Gipfels der Tannenwälder recognoscirte ich die Inschrift vom 7. September 1783 [sic!] des Liedes das du auf den Fittigen der Musik so lieblich beruhigend in alle Welt getragen hast: »Über allen Gipfeln ist Ruh pp.«“

Die Inschrift war inzwischen allerdings schon so schadhaft, dass Goethe umgehend eine Erneuerung entweder selbst vornahm oder durch Oberforstmeister von Fritsch vornehmen ließ.

 1

Ты, что с неба и вполне

Все страданья укрощаешь

И несчастного вдвойне

Вдвое счастьем наполняешь, –

Ах, к чему вся скорбь и радость!

Истомил меня мой путь!

Мира сладость,

Низойди в больную грудь!

Пер. А. Фета, 1776

        2

Горные вершины

Спят во тьме ночной,

Тихие долины

Полны свежей мглой;

Не пылит дорога,

Не дрожат листы...

Подожди немного–

Отдохнешь и ты!

Пер. М. Лермонтова, 1780


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